Reizdarm-Syndrom

Stress mit dem Darm?

Von Nadine Effert · 2017

Es ist schmerzhaft, unangenehm und schwer zu diagnostizieren: das Reizdarm-Syndrom. Betroffene klagen über plötzliche Bauchschmerzen, Durchfall im Wechsel mit Verstopfung, Blähungen – doch der Arzt zuckt mit den Schultern, findet nichts. Der Grund: Das Mysterium Reizdarm haben Forscher noch nicht gelöst. Was Patienten bis dato bleibt, ist die individuelle Behandlung der Symptome.

Ob im Meeting, im Kino oder beim Shoppen – wenn es im Verdauungstrakt ordentlich zu rumoren anfängt, stellt sich immer die gleiche brenzlige Frage: „Wo befindet sich bloß die nächste Toilette?“. Laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) leiden in Deutschland schätzungsweise bis zu zwölf Millionen Menschen unter einem Reizdarm-Syndrom (RDS). Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Meistens treten die Beschwerden das erste Mal zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf und halten oft über Monate und sogar Jahre an. 

Keine rein psychische Krankheit

Bemerkbar macht der „Gereizte“ sich durch wiederkehrende unangenehme Symptome wie Durchfall, Krämpfe, Blähungen oder Verstopfung. Das Ausmaß der chronischen Beschwerden und die Häufigkeit ihres Auftretens variieren von Patient zu Patient. Allen gemein ist das Kuriose am Reizdarm-Syndrom selbst: Es liegen ihm keine organischen Ursachen zugrunde. Mit ein Grund, warum Betroffene gerne mal in die Kategorie „Hypochonder“ gesteckt werden. Blanker Hohn, wenn man bedenkt, wie sehr die Beschwerden den Tagesablauf diktieren können. Und: Heute weiß man, dass der Reizdarm keine rein psychische Erkrankung ist.

Den Ursachen auf der Spur

Weder Laborwerte, Ultraschalluntersuchung noch Darmspiegelung liefern dem Arzt eindeutige Indizien. Was bleibt, ist das Ausschlussverfahren: Könnte eine Lebensmittelunverträglichkeit dahinterstecken? Oder ein Tumor oder eine Entzündung? Für Betroffene bedeutet das nicht selten eine frustrierende Odyssee an Arztbesuchen. Mitunter vergehen Jahre, bis überhaupt die Diagnose „Reizdarm-Syndrom“ gestellt wird. Gefährlich, im Sinne von lebensbedrohlich, ist die Krankheit nicht. Sie hat allerdings einen enormen Einfluss auf die Lebensqualität. Nicht selten geht das RDS mit weiteren Erkrankungen wie Migräne, Fibromyalgie, chronische Müdigkeit, Angststörungen und Depressionen einher. Je nach Art und Schwere der Symptome können Betroffene das Haus kaum noch verlassen, müssen Beruf und Hobbys aufgeben. 

Individuelle Therapie

Den „typischen“ Reizdarm-Patient gibt es nicht, dementsprechend auch kein Patentrezept in Sachen Therapie. Die Krankheit selbst ist nicht heilbar. Was hilft, ist individuell unterschiedlich und muss Schritt für Schritt herausgefunden werden. Für die richtigen „Zutaten“ zur Bekämpfung der Symptome müssen deren Verursacher bekannt sein. Als Auslöser für die Funktionsstörung des Darms infrage kommen zum Beispiel psychische Belastungen, bakterielle Infektionen oder Störungen der Immun- und Darmnervenfunktion und der Mikrozirkulation, sprich einer eingeschränkten Durchblutung und somit Sauerstoff- und Nährstoffversorgung des Organs. In vielen Fällen können die Beschwerden durch eine Anpassung der Ernährung und das Erlernen von Entspannungstechniken gelindert werden. Einzelne Symptome wie Durchfall wiederum (kurzfristig) mit entsprechenden Medikamenten. Auch können pflanzliche Mittel wie Kümmel- und Pfefferminzöl oder Flohsamen aus der Apotheke helfen.

Bakterien im Darm im Fokus

Etwa jeder zweite Betroffene entwickelt ein chronisches Reizdarm-Syndrom und hofft auf neue Therapien, die den Magen-Darm-Trakt dauerhaft beruhigen. In den Fokus rückt verstärkt die Darmflora. Als bewiesen gilt, dass sich bei RDS-Patienten Stuhl und Mikrobiom, das sich aus Billionen von Bakterien zusammensetzt, von denen gesunder Menschen unterscheiden. Interessant ist daher die Behandlung mit Probiotika, sprich bestimmten Bakterienstämmen, um die Darmflora wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Einige Studien beschäftigen sich mit der Frage, inwiefern ein fäkaler Mikrobiom-Transfer Betroffenen helfen kann. Dabei wird aufbereiteter Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm des Patienten eingebracht, um dort ein gesundes Bakterienmilieu herzustellen. Da dieser Vorgang nicht risikofrei ist, untersuchen derzeit Biotechnologie- und Pharmafirmen, welche genauen Bestandteile in der Stuhltransplantation für welche Krankheit positive Effekte haben. Ziel ist es, diese Bestandteile synthetisch herzustellen und wie Medikamente zu verabreichen.

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